„Ich kann mich nicht konzentrieren“, schreibe ich auf einen Fetzen des Blattes Papier, auf das ich seit Minuten starre, ohne etwas darauf zuschreiben. Ich falte den Fetzen zusammen und schiebe ihn auf den Tisch von P., der neben mir in der Bibliothek sitzt. Es ist Sonntag, jeder Platz ist belegt, die Sonne scheint, es ist Klausurenphase, 29 Grad und nur Druck im Kopf. „Warum nicht?“, schreibt er. Als Antwort kommen mir die Tränen. Mein Gesicht ist ziemlich klein, der hellblaue Mund-Nasen-Schutz, der beinahe mein gesamtes Gesicht bedeckt, ist sofort durchgerotzt. „Komm, wir gehen mal raus“, flüstert P. Mein Herz schlägt sehr schnell. Das liegt an meiner Rastlosigkeit, die rennt. Ich sehe, dass mich die anderen Studierenden weinen sehen. Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die sich so fühlt. P. fragt nicht, was los ist. Er streichelt meinen Kopf, während ich mich durchs Tränenmeer kämpfe, der Kloß in meinem Hals fühlt sich dabei an wie ein runder Felsen.

Kurz darauf fahre ich mit dem Laptop unter meinem Arm nach Hause, fahre langsam genug, um mich angestarrt zu fühlen, ich fühle mich falsch, während ich fühle, dass die Menschen um mich herum genießen können, was mich gerade überrollt: Das Leben. Ich habe schon oft über Schwermut geschrieben. Ich weiß, dass meine Psyche keine Blumenwiese ist. Unausgeglichenheit in Klausurenphasen ist normal, jeder Mensch braucht Pausen, schlechte Gefühle gehören zum Spektrum, ich weiß das alles. Und trotzdem fühle ich mich, als hätte ich versagt. Dieses Versagen ist zeitlos, es breitet sich aus wie heiße Luft in einem Reifen, der immer größer wird. Destruktive Gedanken sind sehr vielseitig, haben aber gemeinsam, dass sie sich gegenseitig verstärken. Es ist so leicht, sich darin zu verlieren. Während die rosa-rote Brille ständig besungen wird, verliert sich die Schwarze in der gesellschaftlichen Tabu-Zone. 

„Versuch irgendwas zu machen, was dir guttut“, schreibt P., der seit Stunden in der Bibliothek sitzt, auf den ich wütend bin, weil er dem Druck standhalten kann, und ich nicht, weil seine Disziplin stark ist und sich meine auf dem Boden krümmt. Ich vergleiche mich, anstatt mich zu fragen, was ich gerade brauche. Druck und Stress sind unnatürliche Extremzustände, unter denen Körper und Geist leiden. Sie können auf Zeit bestehen, dürfen aber nicht zum Alltag werden. P. hat mir heute Morgen fingerkuppengroße Schuppen aus den Haaren gezogen. Ich habe große Fingerkuppen. Stress gibt mir das Gefühl, hinter meinem Leben herzulaufen, als wäre es ein Zug, der abgefahren ist. Ich renne also einem fahrenden Zug hinterher. Dabei habe ich keine Superkräfte, sondern werde immer kraftloser. Ich renne, weil ich spüre, dass etwas ganz Schlimmes passiert, wenn ich diesen Zug nicht erreiche. Ich vergesse dabei, dass es unendlich viele Züge gibt. Wenn ich permanent renne, dann schlafe ich schlecht, dann bin ich unspontan und gereizt, dann habe ich keine Zeit für Späße und Schabernack, dann trinke ich Bitterkeit um meine Anstrengung herunterzuspülen, ich muss ja rennen. Beim Rennen kommt es häufig vor, dass ich Menschen sehe, die das nicht tun. Sie sitzen am See und essen Wassermelone mit dem Löffel und beugen sich dabei minutenlang über ein Schachbrett, ohne eine Figur zu bewegen. Sie lesen Bücher, nicht weil sie denken, sie müssten das mal wieder tun, sondern weil es schön ist. Sie hören Musik – nicht beim Joggen als Ablenkung, sondern, weil es schön ist. Die Verrückten sitzen auf Grünflächen, mit den nackten Zehnen rupfen sie Gras aus der Wiese und trinken dabei Zitronenbier. Sie werfen mit Holzklötzen auf Holzklötze und kreischen, wenn die der gegnerischen Mannschaft umfallen, sie werfen einen Ball auf ein Trampolin und feuern sich dabei gegenseitig an, sie fahren mit dem Cabrio und trinken Aperol, sie kriegen Sonnenbrand und schlafen bis nachmittags, nicht, weil sie sich das vorgenommen haben, sondern weil es schön ist. Ich frage mich, wo die Züge dieser Menschen sind. 

Ich kenne meinen Zug, ohne zu wissen, wohin er fährt. Ich hatte viele Jahre eine Essstörung. Ich habe dadurch verlernt, auf meinen Körper zu hören. Es ist einfacher einer kranken Stimme zu folgen, als nichts zu hören. Bedürfnisse müssen lernen, sich zu artikulieren. Druck und Stress sind Bedürfnis-Killer, weil sie unnatürliches Verhalten verlangen. Der Druck ernährt sich vom ‚Mehr‘ und vom ‚Nie genug‘, der Druck vergleicht sich mit dem unerreichbaren Superlativ und ist voller Hass. Druck hasst sein Umfeld, weil es potenziell besser ist, schöner, klüger. Druck hasst sich selbst, weil er weiß, dass er hässlich ist. Druck weiß, dass er müde macht und ängstlich. Er zeichnet mit lila-schwarz Augenringe und während wir müde sind, so müde sind, wird er nicht müde uns zu sagen, dass wir das nicht dürfen. Er verlangt von uns ein unendliches Mehr und wir kriegen Falten auf der Stirn und essen viel Zucker oder viel zu wenig. Der Druck lenkt den Zug. 

Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich höre Sonntagsautos und Vögel. Ich versuche aufzuschreiben was mir gut tut. Ich bin gefangen in dem Gefühl zu müssen. Da ist der Zug, dieser elende Zug, von dem ich nicht einmal weiß, wohin er fährt. Warum will ich mich immer bewegen, obwohl das schöne Leben auf der Wiese sitzt und Zitronenbier trinkt? 

Weil ich ein Perfektionismusproblem habe. Ich und wir. Weil die Strukturen unserer Welt das verlangen. Weil wir gelernt haben, dass wir geliebt werden, wenn wir Dinge leisten. Wenn wir gut sind, dann sind wir genug. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, ja ja. Wir hatten nie die Chance, einfach nur zu Sein, weil wir in einem Umfeld leben, für das wir immer zu langsam sind, dass permanent Erwartungen an uns stellt und uns beigebracht hat, dass wir uns das schöne Leben erst verdienen müssen. Wir müssen so viel und deshalb können wir so wenig. Deshalb stirbt die Kreativität und der Freigeist schläft tief. 

„Du gehst davon aus Beifahrerin zu sein“, höre ich P. sagen. „Du kannst dich jeden Tag neu für das schöne Leben entscheiden.“ Während er das sagt, sitzen wir auf dem Balkon. Ich bin leer geweint und kann jetzt besser fühlen, was ich brauche. Als hätte sich der Druck aus meinen Augen geschwemmt und Platz gemacht, für rationalere Gedanken. Druck macht unfrei. „So einfach ist das nicht“, sage ich. „So schwer aber auch nicht“, sagt er. „Später erinnerst du dich nicht an die Dinge, die du unter Druck gemacht hast.“ Er fordert mich heraus und die indirekte Frage nach dem Glück wohnt nicht nur dieser Unterhaltung inne. Druck macht es uns schwer und Druck macht es uns leicht, weil er unser Leben füllt und wir das nicht mehr selbst machen müssen. Hinter der Druck-wand ist das Leben bunter und es fahren keine Züge. Ich brauche Hilfe beim rüberklettern, manchmal. Ich will mich nicht auflösen in dem Gefühl, einem Zug hinterherzurennen. Ich will kein Zug mehr fahren. 

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